28.10.2013 - 15:20:43

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Lieferengpässe: "Unhaltbarer untragbarer Zustand"

hr berichtet über Lieferengpässe bei Schilldrüsenmedikamenten (Foto: Thinkstock). Vergrößern hr berichtet über Lieferengpässe bei Schilldrüsenmedikamenten (Foto: Thinkstock).

"Arzneimittelengpass - warum Patienten ihre Medikamente nicht bekommen": Gestern berichtete das hr-Fernsehen in seiner Sendung "defacto" über die Lieferschwierigkeiten bei Schilddrüsenmedikamenten. Sieben Apotheken musste ein Patient besuchen, bevor er sein notwendiges Arzneimittel bekam. Warum das so ist, versuchte die Sendung zu klären.

Thomas Pildner lebt in Bad Homburg. Seit ihm die Schilddrüse entfernt wurde, ist er täglich auf Schilddrüsenmedikamente angewiesen - sonst drohen Herzprobleme. Insgesamt sieben Apotheken musste er besuchen, bis er endlich sein Medikament erhält, weil die siebte Apotheke noch etwas in ihren Beständen hat. Allerdings ist es nicht exakt seine Dosierung. Statt einer, muss er zwei Tabletten nehmen.  In den anderen Apotheken hieß es, man könne das Präparat nicht bestellen. Thomas Pildner reagiert mit Unverständnis, warum so ein lebenswichtiges Medikament nicht lieferbar sei. In der Sendung erklärt er, er fühle sich "sprachlos, fassungslos" und panisch. Dies sei ein "unhaltbarer, untragbarer Zustand."

Technische Probleme

Rund 10 Millionen Schilddrüsenpatienten ergehe es derzeit so in Deutschland. Das Problem bestehe schon seit August. Die Pharmaindustrie kann nicht alle Dosierstärken von Schilddrüsenhormontabletten liefern. Weder Hexal, noch Merck. Der hr fragte bei Merck nach und zitierte aus der schriftlichen Stellungnahme. Merck gibt technische Probleme aufgrund einer Systemumstellung an. Man führe ein System ein, mit dem man sehen könne, wohin die Medikamente geliefert werden.

Rabattsystem ist schuld

Lieferengpässe werden immer häufiger. Auch Krankenhäuser sind betroffen. Hans Rudolf Diefenbach, stellvertretender Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands, sieht die Rabatte der Krankenkasse als Ursache für das Problem. Die Pharmafirmen bekommen pro Packung weniger von den Kassen erstattet, als es früher der Fall war. Für viele Unternehmen lohnt es sich deshalb nicht mehr, innerhalb Europas zu produzieren. Diefenbach erklärt: "Wenn die Firmen aus Kostengründen tausende Kilometer weit weg produzieren lassen, kann es natürlich passieren, zum Beispiel durch eine Umweltkatastrophe, eine Brandkatastrophe oder auch durch Kriegsfälle, dass Sachverhalte eintreten, die eine Nichtlieferfähigkeit hier vor Ort auslösen."

Viele Firmen lassen zum Beispiel in Indien produzieren. Die Firma Merck lässt in Deutschland und Mexiko produzieren. Für den Fall, dass auf dem Lieferweg Probleme entstehen, gebe es "definierte Sicherheitslagerbestände" in Deutschland, zitiert der hr aus einer schriftlichen Stellungnahme von Merck. Wie groß diese Lagerbestände seien,  wird nicht gesagt.

"Just in time" funktioniert nicht

Die Medikamentenvorräte reichen in Deutschland nicht aus. Das versuchen Gesundheitsökonomen schon länger klar zu machen. Gerd Glaeske: "Es hat sich bei den teuren Medikamenten eingebürgert, dass man keine Lagerkapazitäten mehr hat, weil die Kapital binden. Also macht man sein just in time-System, wie wir das aus der Automobilindustrie kennen. In dem Moment, in dem man bestellt, soll es verfügbar sein. Nur das geht eben nicht mehr. In globalisierten Werken sind die Herstellungsbetriebe zehntausende von Kilometern weit entfernt."

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